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Bodenverlust in der Schweiz

Im Tessin und im Wallis verschwinden Wiesen und Äcker landesweit am schnellsten, wie eine Auswertung zeigt. Verantwortlich dafür ist die Bodenverschwendung – und die Natur selber.

Die Angst vor verschandelten Landschaften gilt als einer der Gründe, weshalb die Schweizer die Einwanderung begrenzen wollen. Mag das Rezept stimmen oder nicht: Dass die Sorge um den Boden berechtigt ist, zeigen die Zahlen zum Kulturlandschwund seit den frühen 80er-Jahren.

Der «Tages-Anzeiger» hat, gestützt auf Angaben des Bundesamts für Statistik, den Rückgang der heimischen Wiesen und Äcker auf die 26 Kantone aufgeschlüsselt. Die Auswertung ergibt vor allem für die Südschweiz einen beunruhigenden Befund. Der Kanton Tessin hat demnach über 36'000 Hektaren Kulturland verloren – eine Fläche, die etwa 52'000 mittelgrossen Fussballfeldern oder 16,1 Prozent des Ursprungsbestandes entspricht.

Auch im Kanton Wallis sind die Verluste erheblich, in absoluten Zahlen sogar grösser als im Tessin. Innert 25 Jahren verschwanden hier 99'000 Hektaren wertvoller Böden, was einem Rückgang um 10,5 Prozent gleichkommt.

Bauern auf dem Rückzug

Die «Täter» sind in beiden Kantonen sowohl der Mensch als auch die Natur. Letztere schlägt primär im Berggebiet zu. «Die Gebirgslandwirtschaft, die im Tessin und im Wallis einst stark vertreten war, büsst seit Jahren an Bedeutung ein», erläutert Marcus Ulber, Raumplanungsexperte von Pro Natura.

Wo sich die Bauern zurückziehen, hält wie vor Jahrhunderten der Wald wieder Einzug; wo zuvor Kühe weideten, breiten sich Bäume und Strauchwerk aus. Bauernverbände sehen diese Entwicklung mit Besorgnis. Naturschützer Ulber sagt hingegen: «Am Waldwachstum gibt es ökologisch eigentlich nichts auszusetzen – auch wenn etwa artenreiche Trockenwiesen besser geschützt werden sollten.»

Bedenklicher scheint in jedem Fall der anhaltende menschliche Zugriff auf die verbliebenen Landreserven. Weder die Tessiner noch die Walliser kommen hier gut weg. In den Talregionen wuchern Wohnsiedlungen und Gewerbeflächen; die Magadino-Ebene und weite Teile des Mendrisiotto gelten heute als Inbegriffe raumplanerischer Sündenfälle. Und die Walliser sind für ihre Zweitwohnungspolitik seit je berüchtigt.

Zürich im Vergleich vorbildlich

Nun liegt auch Zürich in der Verluststatistik weit vorne: Mit einem Kulturland-Minus von 7,6 Prozent kommt der Kanton auf den vierten Rang. Freilich wird den Zürchern allgemein eine vergleichsweise vorbildliche Raumplanung attestiert. Berücksichtige man die Bevölkerungsentwicklung, sei der Rückgang der Landwirtschaftsflächen nicht als übermässig einzustufen, betont Markus Pfanner von der kantonalen Baudirektion.

Ein Zürcher verbrauche durchschnittlich 222 Quadratmeter Siedlungsfläche, landesweit der vierttiefste Wert. Doch wird Zürich als Wohn- und Arbeitsdomizil eben laufend beliebter – und mehr Menschen brauchen mehr Infrastruktur und mehr Platz. Der Kanton befindet sich insgesamt in einer ähnlichen Lage wie Genf – ebenfalls eine Boomregion mit viel Bevölkerungsdruck, aber bescheidenen Bewohnern, so weit es den Bodenverbrauch betrifft.

Am anderen Ende der Skala finden sich primär Kantone mit vielen Bauerndörfern, moderater Bevölkerungsdichte und wenig steilen Bergen. Diese Bedingungen treffen nicht nur auf kleinere Stände wie Jura, Neuenburg und die beiden Appenzell zu, sondern mehrheitlich auch auf Bern, den flächenmässig zweitgrössten Kanton. In absoluten Zahlen sind die Verluste hier zwar weitaus am grössten – mehr als 8000 Hektaren. Relativ gesehen beträgt der Rückgang aber nur etwas über 3 Prozent.

Daniel Wachter, Vorsteher des Amtes für Gemeinden und Raumordnung, ortet hier auch Verdienste der «seit Jahren zurückhaltenden Einzonungspolitik» des Kantons. Der Anteil der noch nicht überbauten Bauzonen sei klein, was zu einer konzentrierten Siedlungsentwicklung führe. Lakonischer tönt es in Appenzell Ausserrhoden, wo binnen 25 Jahren «nur» knapp 400 Hektaren verschwunden sind (minus 2,8 Prozent). «Wir sind eben kein Zuwanderungskanton», resümiert Baudirektor Jakob Brunnschweiler (FDP).

Bis 2005 sei die Bevölkerung sogar geschrumpft, seither steige sie wieder leicht an. Auch haben sich in Appenzell Ausserrhoden keine grossen industriellen Betriebe niedergelassen. Obschon der Kanton also vergleichsweise wenig unter Druck steht, räumt er dem Schutz des Kulturlands grosse Bedeutung bei, wie Brunnschweiler sagt. «Wir schützen das Kulturland auf den Hügelzonen ebenso wie um die Streusiedlungen herum.»

Kein «unwertes» Land

Auffälligerweise ist der Kulturlandschutz auch und gerade in den «vorbildlichen» Kantonen ein brandaktuelles Politikum. Mehrere Initiativen sind hierzu aufgegleist – mit weidlichen Erfolgschancen, denn das Thema vermag linksökologische Kreise und konservative Agrarverbände zu einen.

Beim Pro-Natura-Raumplanungsexperten Marcus Ulber lösen die Bestrebungen freilich gemischte Gefühle aus. Oft sei es das Ziel, besonders «wertvolle» Kulturlandteile speziell zu schützen. «In der Folge kann sich der Druck auf Landreserven, die für die Bauern weniger abwerfen, umso stärker erhöhen. Gerade die wären ökologisch aber oft besonders schützenswert.»

Mit Spannung wird derzeit erwartet, wie der Bundesrat das neue, strengere Raumplanungsgesetz umsetzen will. Der erste Verordnungsentwurf stiess reihum auf Widerspruch: Vielen Kantonen gingen die geplanten Eingriffe in ihre Kompetenzen zu weit, während Umweltschützer eine Demontage der angestrebten Baubremse beklagten. Dem Vernehmen nach konnten sich Verbandsvertreter und die zuständige Regierungskonferenz in den wichtigsten Grundsätzen inzwischen einigen. Der Bundesrat könnte im März entscheiden.

Quelle: Tages Anzeiger

19.2.2014