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IV-Reformen lösen nicht alle Probleme

Die Schweiz macht noch zu wenig, um Personen mit psychischen Problemen im Arbeitsmarkt zu halten. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OSZE). Auch Vertreter des Bundes sehen noch Handlungsbedarf.

Die Empfehlungen, die im OECD-Bericht abgegeben werden, seien "sehr hilfreich", sagte Stefan Spycher vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Donnerstag vor den Medien in Bern. Einige davon würden aufgenommen. Stefan Ritler vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) sagte, der Bericht habe "doch einiges aufgezeigt".

Die Erwerbsrate von Personen mit Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Störungen ist in der Schweiz laut der OECD-Studie im internationalen Vergleich zwar "bemerkenswert hoch". Gleichwohl sind psychisch kranke Personen doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie psychisch gesunde Menschen.

Das belastet nicht nur die Sozialwerke, sondern kann auch für die Betroffenen hinderlich sein: Denn Arbeit erhöht laut Studien die psychische Gesundheit, wie Christopher Prinz, Projektleiter des OECD-Berichts, vor den Medien betonte.

Die Studienautoren kritisieren deshalb, dass Psychiater normalerweise keinen Kontakt mit den Arbeitgebern aufnehmen. Das Gesundheitssystem weise "erhebliche Defizite auf, was das Bewusstsein für arbeitsplatzbezogene Probleme von Patienten anbelangt", heisst es im Bericht.

Arbeitgeber in der Pflicht

Auch die Arbeitgeber müssen nach Ansicht der OECD stärker einbezogen werden: Die verfügbaren Daten legten nahe, dass die Arbeitgeber in der Schweiz insgesamt den psychologischen Risiken am Arbeitsplatz weniger Bedeutung beimessen würden als Unternehmen in vielen anderen Ländern, heisst es im Bericht.

Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) schrieb in einer Stellungnahme zum Bericht, viele Arbeitgeber würden sich bereits engagieren - doch könnten sie die zunehmenden Herausforderungen nicht alleine meistern. Der SAV fordert deshalb, dass die mehrheitsfähigen Massnahmen des zweiten Teils der 6. IV-Revision, der in der Sommersession im Parlament gescheitert war, schnellstmöglich umgesetzt werden.

Die Vorlage sah unter anderem den Ausbau der Massnahmen zur Früherfassung von potenziellen IV-Rentnern vor. Auch Studienleiter Prinz empfiehlt der Schweiz, Elemente der gescheiterten Revision doch noch umzusetzen.

IV zu attraktiv für Jugendliche

Den jüngsten Reformen der IV attestiert der OECD-Bericht einen "beachtlichen Erfolg". Bei den Personen mit psychischen Störungen hätten die Revisionen allerdings am wenigsten genützt, sagte Prinz. Diese Gruppe mache inzwischen beinahe 40 Prozent aller Neurenten aus.

Kritisiert wird im Bericht auch, dass IV-Renten für bestimmte Gruppen immer noch vergleichsweise attraktiv seien: Besonders für Personen mit niedrigem Einkommen und für Jugendliche sei es lohnender, eine IV-Rente zu beziehen als zu arbeiten.

Bei den Jugendlichen ortet der Bericht ein weiteres Problem: Wer Schule oder Lehre abbricht, stehe sehr schnell alleine da. Das bestätigte Beatrice Kronenberg, Direktorin des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik: Diese Jugendliche fielen oft zwischen Stuhl und Bank, sagte sie vor den Medien.

"Magere Ergebnisse" trotz hohem Aufwand

Harsche Kritik übt der Bericht an der sogenannten Interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ). Die IIZ liefere magere Ergebnisse im Vergleich zum hohen Aufwand, schreiben die Studienautoren. Sie fokussiere zu stark auf die Institutionen, zudem müsste der Gesundheitssektor einbezogen worden.

Die IIZ sei inzwischen besser aufgestellt als zu der Zeit, als die Autoren sie untersucht hatten, sagte Ritler vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). "Wir können die IIZ aber noch ausbauen."

Generell stellt der OECD-Bericht der Schweiz aber ein gutes Zeugnis aus. Das Schweizer System habe sehr viel Potenzial und liefere teilweise sehr gute Resultate, sagte Projektleiter Prinz.

24.1.2014